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Horst Sievert beschreibt im ersten Kapitel, wie sich seine Beziehung zum Computer und zum Internet entwickelt hat. Ganz so früh ging es bei mir zwar nicht los, aber in den 90er Jahren bekam auch ich es beruflich mit dem Computer zu tun und – dank sei den beiden Kollegen im Nachbarzimmer! Sie richteten damals nämlich die Computerabteilung ein und ich blutige Anfängerin lief anfangs mehrmals am Tag zu ihnen hinüber. Sie waren mit Sicherheit genervt von mir, wenn wieder einmal nichts ging und ich nicht weiter wusste.

Damals nämlich war das Schreibprogramm noch nicht so benutzerfreundlich wie heute und um den Computer zu starten und zu dem Programm zu kommen musste man erst ein paar Befehle auf die schwarze Oberfläche schreiben, bis sich das Ganze dazu bequemte einem zu erlauben, seine Gedanken aufzuschreiben und – was ich besonders toll fand – sie direkt auf dem Bildschirm zu verändern, zu korrigieren, sie wieder auszulöschen und ganz und gar neu zu schreiben. Auf der Schreibmaschine  ging das doch gar nicht. Da musste man wieder von vorn anfangen, wenn man sich zu oft vertippt hatte, sonst sah das Ganze schrecklich aus.

Anfang des neuen Jahrtausends kam dann für mich das Internet hinzu. Da ich damals in Brüssel lebte und niemanden kannte, der mir helfen konnte, habe ich mit Mühe und Not das interne Modem der belgischen Telekommunikationsgesellschaft selbst in den Computer gepfriemelt, d.h. Kasten aufgeschraubt, Steckfeld gesucht, Modem eingesteckt und, ich weiß nicht mehr was für komplizierte weitere Aktionen durchgeführt, bis schließlich tatsächlich dieser pfeifende Wählton losging, mit dem sich das Modem in das Telefonnetz einwählte – erinnert ihr euch noch? (So klang das damals:   http://www.pacdv.com/sounds/machine_sound_effects/dial-up-modem-1.wav) Und erinnert ihr euch noch, wie lange das dauerte, bis sich dann so eine Internetseite aufgebaut hatte.

Und nun, wo alles so schnell geht, und wir sogar damit anfangen unsere eigenen e-Books zu veröffentlichen, nachdem wir schon lange bloggen, twittern, facebooken, google+ssen und was es sonst noch für neue Möglichkeiten gibt, die virtuelle Welt zu bereichern und sich selbst neue Kenntnisse über die virtuelle Welt und natürlich zugleich über die reale Welt, die durch sie abgebildet wird, zu erwerben, nun gelten wir, die wir seit zwanzig Jahren mit dem Computer und seit mehr als zehn Jahren mit dem Internet leben und die ersten Schritte dieser neuen Technologie bis zur Gegenwart verfolgt haben und weiter verfolgen werden, wir also gelten bei den jüngeren Zeitgenossen als “digital immigrants”, nur weil wir nicht als Kinder schon auf dem Computer herumgespielt haben.

Findet Ihr das eigentlich gerecht? Sagt diese Schublade, in die man eine bestimmte Generation schieben will, eigentlich etwas über unseren Umgang mit Computer und Internet aus? Ist  diese Unterscheidung in digital natives und digital immigrants sinnvoll und bringt sie die Diskussion irgendwie weiter?

Ich hab dann mal über die Bedeutung dieser Bezeichnungen nachgedacht. Als Historikerin überlege ich natürlich, wie das eigentlich mit den Ureinwohnern und den Einwanderern  in der Geschichte so gewesen ist. Also zum Beispiel die Lateinamerikanischen Länder, da lebten unter anderem die Azteken, die Mayas und die Inkas und dann kamen im 16. und 17. Jahrhundert die Spanier. Waren sie Immigranten? Natürlich, sie waren Einwanderer. Und was geschah mit den Ureinwohnern? Sie wurden unterjocht und ihnen wurde die Kultur der Einwanderer aufgezwungen. Nicht viel anders verhielten sich die europäischen Auswanderer, die nach Nordamerika eingewandert sind. Auch dort bilden die Ureinwohner nur noch eine kleine Minderheit im eigenen Land. Und es gibt in der Geschichte noch viele weitere Beispiele dafür, dass Ureinwohner schlechte Karten gehabt haben, wenn Immigranten kamen.

Wieso soll so ein Begriff eigentlich für den Umgang mit dem Internet taugen? Oder sind wir von SLO, die wir alle lange Erfahrungen mit dem Internet haben, vielleicht gar keine Immigranten, sondern doch “digital natives”? Ich komme zu keinen Schluss und breche meine Überlegungen hier ab. Eine Vermutung habe ich allerdings: Vielleicht werden solche Unterscheidungen nur in die Welt gesetzt, damit sich derjenige, der sie erfindet, von den anderen abhebt und bekannter wird?

Trotzdem gibt es natürlich einiges zu überlegen in Verbindung mit dem Internet, zum Beispiel solche Fragen wie: Wie hat sich mein Umgang mit “meiner Welt” dadurch verändert, dass ich einen stets griffbereiten Zugang zu allen Informationen habe, nach denen es mich verlangt? Wie selbstbestimmt und wie fremdbestimmt kann ich mit den neuen Medien umgehen? Lasse ich mich überfluten von der Vielfalt der Informationen oder gelingt es mir, mich immer wieder davon zu befreien?  Vielleicht fällt euch liebe Co-Autoren und euch, liebe Leserinnen und Leser noch mehr dazu ein? Und wir könnten gemeinsam weitere Frage aufwerfen und die Antworten dazu suchen?

 

 

 

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